ILIR /ILI /ILINKA *1973 - 2004+

Ich lernte Ilir Anfang der 1990er Jahre kennen. In Wien gab es damals einige gut besuchte "places to be", die speziell für die Jugendszene und die im entstehen begriffene Club-Szene, die tatsächlich etwas völlig Neues und Unerhörtes für diese Stadt darstellen sollte, gedacht waren. Einer dieser Plätze war die Post-/Anti-Discothek "U4". Diese hatte ihre Türen flugs mit den startenden Achtzigern aufgemacht, als die Discobewegung, die in Österreich – mit wenigen Ausnahmen – nur an ausgesuchten und sehr außergewöhnlichen Orten gedeihen konnte, zusammenbrach.
In den Siebziger Jahren lebten die Leute, die ihren mondänen Attitüden gerne nachgehen wollten und es sich auch leisten konnten, ihr exklusives Saturday Night Fever oftmals im Verborgenen und trafen sich zur Sommer- oder Wintererholung an fernen Gestaden, um einen vor allem auf sinnlichem und finanziellen Gebiet neuartigen Lebensstil zumindest "entre eux" zur Schau zu stellen.
Es zeigte sich aber, dass Disco als ein großer kultureller Wandel hier zulande einigermaßen eingegrenzt war. "Glamrock" (1970-1974) war Österreich überhaupt kein Begriff – wenn gleich Phänomene wie etwa die "Hallucination Company" dabei unbedingt dazu zu zählen sind – und die wenigen, echten "Disco"-Discotheken (1975-1979) platzten vielfach wie Seifenblasen, ehe der eigentliche Boom so richtig begonnen hatte.

In Wien kann man nichtsdestotrotz noch einige sehenswerte Discoruinen bestaunen. Die vormals überstilisiert aufgezogenen Tanzbars sind nun heruntergekommen und dem Verfall preisgegeben und obwohl sie ihre Pforten schon vor langer Zeit geschlossen haben, versprühen sie durchwegs immer noch einen Rest von intensivem, weltgewandtem Glamour.
Von 1980-1986 fiel Wien in einen bleischweren Narkotika-Schlaf aus "New Romantic" und "Gothic"-Alb-/Träumen. Es war eine sehr kreative und dennoch furchteinflößende Zeit, besonders auch für schwule Männer, die ja trotz der allgegenwärtigen Bedrohung eines potentiellen, nuklearen Holocausts und der drastischen Umweltverpestung mit ihrem Gay Liberation Movement, also der Befreiungsbewegung der Schwulen, die in den 70iger Jahren so fulminant sichtbar geworden war, zurecht weiterkommen wollten.

Der Stil dieser Jahre brachte für alle Menschen eine sehr wichtige Wiederbelebung tiefer und tiefster Gefühle, was unglücklicherweise ebenso durch das sehr traurige Ereignis der Ausbreitung des HI-Virus und der AIDS-Krise in einer ganz charakteristischen Weise geformt wurde. Das alles zusammen hat die früheren, ungemein ästhetisierenden Vorstellungen vielfach zu Illusionen werden lassen. Depression und Ärger ließen den Missbrauch schwerer Drogen als eine radikale Antwort erscheinen, um paradoxerweise damit am Leben bleiben zu können. Schlussendlich wurde dieses ganze Gemisch zum Brennstoff einer explosiven und fordernden Jugend, die mittels alternativer Formen des Ausdrucks selbst die Verantwortung für sich und ihr Leben übernehmen wollte.

In der zweiten Hälfte dieser Decade war das schon lang herbeigesehnte Erwachen endlich soweit gediehen, um richtig los zu legen. Die schwule Szene Wiens war bereit sich zu zeigen.
Auf den veritablen Grundfesten der "HOSI" (HOmoSexuelle Initiative), der "Rosa-Lila Villa", dem Lesben- und Schwulenhaus, der "Arena", dem "Metropol", dem "Chelsea", dem "Flex" und eben dem "U4", trafen sich nun schöpferische Formationen des Underground mit einer modischen und aufgeweckten Partyclique, um zusammen eine erste Queer Nation Wiener Gepräges zu bilden. Gleichzeitig dazu kamen die für genau diese Zeit so markanten Musikstile "NewBeat", "Acid", und die ja mittlerweile leider vor allem durch einschlägige Derivate zur Genüge bekannten Richtungen "Techno" und "House" nach Österreich. Auch "Trance" und "Ambient" sollen an dieser Stelle noch eine gebührende Erwähnung finden, zwei wunderschöne Soundblüten, die leider viel zu früh wieder von der Bildfläche verschwanden. Die dazugehörigen Künstler aus Spanien, Belgien, den Niederlanden und England begannen über die Europäischen Grenzen hinaus mit kreativen Leuten aus den USA verstärkt Kontakt aufzunehmen,
als dann 1989 die Berliner Mauer fiel. Ich fühlte mich urplötzlich auf vielen Ebenen befreit und gerettet.
Und die Szene war bereit eine Party zu feiern. Just zu diesem Zeitpunkt traf ich eben: Ilir.

Im U4 eröffnete die wöchentliche Veranstaltung des "Space-Jungle" uns allen grundlegend neue Möglichkeiten und ich war fasziniert von Ilirs androgyner Erscheinung und darüber hinaus begeistert von seiner Darbietung als auffallend sinnlicher und ebenso sanfter wie verträumter Tänzer. Ich selbst wechselte zu diesem Zeitpunkt in meinen kosmonautischen Stil über, indem ich silberne und blaue Outfits mit einem wechselnd gefärbten, extremen Kurzhaarschnitt und rosa Schnürstiefeln kombinierte. Kurz nach diesem ersten Hallo ging Ilir jedoch nach New York, wo er drei Jahre lebte. Er wollte im Big Apple eine Tanzschule besuchen und tauchte im Zuge dessen naturgemäß besonders intensiv in die dortige Club-(kid-)Szene ein.

Ich wurde indes hier in Wien mit "House of Sirius" bekannt und machte viele unterschiedliche Eroberungen. Ich verliebte mich zumeist Hals über Kopf in die verschiedensten Männer aus der schwulen Szene, die ich gerade erst begonnen hatte näher kennen zu lernen und die, obgleich sie in Österreich angesiedelt war, auf einem erstaunlich hohen internationalen Level basierte und außerdem mit einer einmaligen Qualität der Ereignisse aufwarten konnte. Wien blühte mit der elektronischen Musik richtiggehend auf. Als Ilir aus New York zurückgekehrt war, traf ich ihn per Zufall in der U(ntergrund Bahn Nummer)4, was neben dem schon zitierten Lokal ebenso der Name einer Linie der öffentlichen Verkehrsmittel ist. Er hatte sich sehr in Richtung seines vielleicht schon früher bestehenden Ideals verändert. Ich werde diesen Tag nie vergessen, als ich ihn da sitzen sah in einem sehr eleganten, halbtransparenten, samtartigen, bodenlangen, tiefblauen Kleid, dessen Stoff über und über mit farbenprächtigen Blüten- und Blumenmotiven übersät war. Sein langes und eingedrehtes Haar war zu einem Afro nach oben gebunden, was sein zart geschminktes Gesicht zusätzlich aufleuchten ließ. Er war zu diesem Zeitpunkt von einer beeindruckenden Schönheit und Eleganz; leider besitze ich aus jener Zeit kaum mehr Fotos, die wenigen verbliebenen, dokumentieren dabei jedoch auch seinen unglaublichen Mut.

Ich lud ihn ein "House of Sirius" näher kennen zu lernen und daran teilzunehmen, was er alles in allem immer wieder einmal, jedoch mehr als Zuschauer und als eine Quelle des Entzückens, was seine unglaublichen Fähigkeiten der Selbstverständlichkeit und seine weltgewandte Frechheit anbelangten, annahm. Hans alias (Mother) Sirius wußte, welche Trends im New York jener Tage gemacht wurden und wir alle entwickelten und hatten ähnliche Gedanken und Gefühle.

Ich glaube, dass "House of Sirius" nicht nur in Österreich, sondern möglicherweise in ganz Europa einzigartig war, zumindest ist mir bis heute von nichts Vergleichbarem aus dieser Zeit berichtet worden. Ein "House" repräsentiert die Idee eines Familien ähnlichen Systems, welches aus gleichgesinnten Personen oder Menschen, welche zumindest einige, zumeist aber essentiellste Interessen miteinander teilen. Diese Häuser bedeuten besonders jungen und vielfach obdachlosen, schwulen Jugendlichen, welche dadurch ihr Coming-out und ihr Debut der restlichen Szene gegenüber geben, einen materiellen wie ideellen Zusammenhalt. Sie werden zu Persönlichkeiten durch und innerhalb eines kreativen und kultivierten Prozesses des Lernens und der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, was zumeist mittels eines bereits älteren, schwulen Mannes, der schon einiges an Lebenserfahrung und Wissen erwerben konnte, animiert wird. Unser Haus bestand aus 6-10 mehr oder weniger ständigen, wie auch wechselnden Mitgliedern. Während Sirius sich als Mastermind betätigte, brachte Daphne Funk-Geschmack und modische Kulturreflexionen ein, ich selbst trat als Kiki – heute würde ich sagen – in der Rolle eines Regisseurs/Réalisateurs auf, der vor allem die Zentrifugal- und die Zentripedalkräfte der Gruppe miteinander in eine harmonische und ebenso anregende Verbindung zu bringen suchte. Wir bildeten somit relativ bald zusammen eine Art harten Kern des Ensembles aus.

New York ist der Geburtsort dieser "House"- Bewegung. Berühmte Häuser sind: "The House of Extravaganza (and Magnifique)", "The House of (Pepper) La Beija", "The House of (Willi) Ninja", "The House of Continental" und wie ich erst letztens mitbekommen habe das "Transy House", welches sich bis in die frühen 70-iger Jahre zurückdatiert. Diese Häuser treffen und beehren sich bei Tanzwettbewerben und grellen Shows, die ihre unverwechselbaren Stile und ihre Vielfältigkeit zelebrieren. Zur selben Zeit sind diese öffentlichen Performances jedoch auch Manifeste der Freiheit und des sichtbaren Handelns gegen gesellschaftliche Ungerechtigkeit und stromlinienförmiges Ja-Sagertum. Eine Wiener Film- und Radiomacherin nahm uns als Sujet für eines ihrer filmischen Projekte und wir wurden infolge immer wieder von Magazinen und auch vom Fernsehen interviewt. Schließlich lernten wir Willi Ninja (1), den Namensgeber des "House of Ninja" (2) kennen, als er hier in Wien einen Voguing-Wettbewerb (3) inszenierte.

Ilir gefiel, was wir auf die Beine stellten und er war des öfteren mit von der Partie. Er setzte seinen zwischen Streetlife und Jetset-Event pendelnden Lebensstil in Wien nahtlos fort und wir beide waren Teil der ersten Clubkidsgeneration. Nichts desto trotz erzählte er kaum etwas von seinen eigenen New Yorker Erfahrungen und Geschichten. Zumindest nicht bis zum Ende der Neunziger Jahre, als er sich mir gegenüber während eines unserer stundenlangen Gespräche über Gott, die Liebe und die Welt öffnete.
Diese von da an häufiger werdenden Erzählungen über Amouren und die Wechselfälle des Glücks und des Schicksals halfen unserer Freundschaft die tiefen Gräben der ausgehenden Neunziger zu überbrücken.
Ilir begann langsam, aber unübersehbar eine richtige "Punk"-Einstellung an den Tag zu legen, während ich – zumindest, was das anbelangte – sehr viel moderater wurde. 1997 entschloss er sich dazu nach London zu gehen, wo er infolge dessen sehr viel mehr mit seinen schwarzen Wurzeln in Berührung kam. Wir sprachen oft stundenlang des Nachts am Telefon miteinander und wann immer er auf Besuch in Wien war, trafen wir uns, bzw. er kam zu mir nachhause. Diese Wiedersehen waren intensiv, intelligent und von äußerster Intellektualität. Er hatte schlicht in vielerlei Hinsicht eine Menge zu sagen. Im Juli 2004 fragte ich ihn deshalb, ob er an einem persönlichen Interview über sein Leben Interesse hätte. Dieses ereignete sich dann drei Monate vor seinem plötzlichen Tod in London.

Ilir starb öffentlich. So wie er auch zu Lebzeiten ein ungemeines Ereignis war, das mitten in der Gesellschaft stattfand. Er brach einfach auf einer Strasse tot zusammen. Ich hoffe wirklich inbrünstig, dass er gerade auf dem Weg zu einer Party, irgendwo in jener gottverdammten Stadt war! Ilir war eine sehr gebende und auch sehr fordernde Persönlichkeit, er verlangte nach Glück und Ruhm. Er arbeitete hart, jedoch nicht im Sinne herkömmlicher Konventionen und er verwirklichte seinen großen Traum ein Musiker und ein Star zu sein, aber die Zeit lief ihm davon, noch ehe er ein Feedback aus all seinen Handlungen ziehen konnte. Ich erinnere mich an seine Geschichten über fortlaufende Studioaufnahmen, Fotoshootings und Stimmproben, die vielfach entnervend waren und zu nichts zu führen schienen. Aber stellt euch einmal vor, dass ich plötzlich, gerade bei den Videoaufnahmen zu eben jenem Interview mit ihm, von seinem Gesang wirklich überzeugt und angetan war und das zu einem Zeitpunkt knapp bevor für ihn hier alles aus war.

Ich muss immer noch oft an ihn denken. Er ist mir manchmal fast allgegenwärtig, was mich weiters nicht stört. Ich bin sentimental und auch manchmal melancholisch, ebenso wie ich auch fröhlich und guter Dinge sein kann. Da ist soviel Platz in meinem Herzen, sodass Ilir dort immer eine Zuflucht finden konnte, weshalb sollte ich ihn also jetzt von dort fern halten? Ich habe mit meinen Tugenden und mit meinen Fehlern zu leben gelernt, auch mit meiner Ekstase und meinem Schmerz. Ich bin bereit ihn nicht vergessen zu müssen. Ilir hat mir auf diesem Weg viel emotionelle Intelligenz und Verständnis vermittelt.

Ilir repräsentierte für mich und tut dies immer noch den Traum, den auf die eine oder andere Art jeder von uns verfolgt. Er verkörperte die Brillanz der Einzigartigkeit eines jeden von uns, die Kraft natürlicher und künstlerischer Individualität als ein Schutzschild und ein Schwert gegen die Grausamkeit und die Rohheit der bloßen Existenz auf diesem Planeten. Ilir war überhaupt nicht ohne Schwächen, noch lebte er ohne schlechte Stimmungen und Gefühle, er schaffte es einfach körperlich nicht mehr bis zu einem Punkt seines persönlichen Resumée und nach seinem Coming-Out zu einem erfolgreichen Coming-In, einer zutiefst persönlichen Standortbestimmung innerhalb der Gesellschaft zu gelangen. Er hatte sich verausgabt.

Ich denke, dass besonders diese Tatsache mich dazu bewogen hat, diesen Artikel, den ich so gar nicht ins Auge gefasst hatte, zu verfassen und hier und jetzt zu veröffentlichen. Nachdem ich begonnen hatte über verschiedene und für mich sehr wesentliche Dinge nachzudenken, stolperte ich natürlich auch über unsere Freundschaft, noch dazu wo ich ihn stets vermisse. Mir wurde ein in mir dazu parallel ablaufender, unterschwelliger Vorgang bewusst. Ich war nun bereit meine eigene Lage, meine eigene Lebendigkeit und meine eigene Antrieblosigkeit unter die Lupe zu nehmen, wodurch ich auch auf die Idee kam CIR ins Leben zu rufen, was ja insgesamt auch ein virtuelles House darstellt. Auf gewisse Art und Weise hat mich Ilir dazu inspiriert und so betrachtet bin ich gar nicht erstaunt darüber, dass ich mich gerade jetzt, wo all die grundlegenden Arbeiten an der Seite abgeschlossen sind, seiner erinnere.

Es ist ziemlich schwierig geworden in unserer Gegenwart verschiedene und lebendige Erfahrungen zu sammeln. Wir sind wiederholt mit dem Tod konfrontiert und finden uns selbst einer subtilen wie auch einer unmittelbareren Zerstörung gegenüber. Die Vorstellungen von Gut und Böse, verboten und erlaubt, verfinstern unverhofft wieder unsere Pläne. Eine einzige erotische Nacht ohne Kondom kann mit einer HIV-Infektion einhergehen. Ein Fick ohne dabei an diese Problematik zu denken, kann eine enorme Herausforderung und viel Traurigkeit und Niedergeschlagenheit an eine andere Person weitergeben.
Schicksalhaftes Gelingen und spirituelles Wachstum können trügerisch sein und sind oft hinter gewaltigen Tiefflügen verstellt. Die Leute scheinen gedankenlos ins N-Irgendwo zu gehen, sie akzeptieren die Regeln anderer zumeist gedankenloser Menschen, die wiederum ebenso geistesabwesend irgendwohin strömen.
Die Zeiten spaßigen Spiels haben sich aber, sofern es sie jemals wirklich gegeben hat, leider schon längst erledigt. Wir sollten nicht vergessen, dass die 70er und 80er auch unendlich brutale Zeiten waren, in denen Ficken codiert und mit viel Verachtung garniert war. Wer in den 70ern nicht "schön" und in den 80ern nicht "cool" war, hatte wenig zu lachen. Nun sieht es so aus, als müssten wir zu allwissenden Klugscheißern mutieren, ehe wir überhaupt die Gelegenheit dazu hatten das Wesentliche zu erlernen. Dass die Zeiten des erotischen, sich bis zum Abwinken gehen lassen Könnens vorbei sind, ist wahr, es bedeutet jedoch keinesfalls, dass es nicht mehr möglich ist, herauszufinden, welche wirklich neuen, extravaganten, geilen und den Umständen entsprechende Umgangsformen es vielleicht auch erst jetzt geben könnte.

In New York war ich in einem hell erleuchteten Darkroom, der wie eine Art Wohnzimmer aufgemacht war. Ficken und Blasen wurden von einem Safer-Sex-Guard überwacht. Das war ziemlich kinky und sehr scharf, weil es ungewöhnlich sinnlich war. Die ganze Welt stand für mich dabei kopf. Geil! Wahnsinn!

Wir - sprich wir Schwule - brauchen einfach mehr Platz und Zeit, um uns über das alles klarer zu werden, um selbst unsere Ziele innerhalb dieser verschiedenen Inputs zu definieren. Mit HIV und AIDS zu leben, ist für die betroffene Person lebensbestimmend, das ist etwas, das Ilir einerseits wußte und ihn dennoch gerade dazu antrieb das soweit wie möglich von sich selbst wegzuschieben. Vielleicht auch, weil er selbst jemanden in New York - noch vor 1996 - hatte an AIDS sterben sehen.

Heute denke ich, dass er große Angst davor hatte seinen Charme, seine Anziehungskraft zu verlieren und von anderen gesellschaftlich ausgestoßen zu werden. Er vertrug die Medikamente, die er einige Male als Therapie (Antiretroviraletherapie/Dreierkombination) als seine Virusbelastung nahezu explodierte, einnehmen musste, schlecht. Das, seine wiederkehrenden depressiven Schübe, seine Erfahrungen bedroht zu werden und seine diesbezüglichen sozialen Ängste trieben ihn in schweren Alkoholismus und regelmäßigen Drogenkonsum, von dem er sich vor allem Stimmungsaufhellung erhoffte.

Ilir war süchtig seitdem ich ihn kannte und konsumierte stets verschiedene Substanzen, um obenauf zu bleiben, mittlerweile war jedoch seine körperliche Auszehrung sehr extrem und wie ich schlussfolgere irreversible geworden. Ilir konnte kaum noch etwas essen, noch sich selbst dazu motivieren irgend wie anders mit allem fertig zu werden. Es sieht so aus, dass er ganz zuletzt eine Entscheidung für sich getroffen hatte, was jedoch offen bleibt, ist die Frage, ob er diese vor, oder, nachdem er seinen Punkt persönlicher Unwiderruflichkeit erreicht hatte, fällte. Jetzt, wo ich mit einem von Ilirs vertrautesten Freunden gesprochen habe, bin ich zu dem Eindruck gelangt, dass Ilir, der zu seinen Lebzeiten ein ungemein offener, kommunikativer und glamouröser Mensch war, es sicherlich wollen würde, dass die Welt ebenso viel von seinen tagtäglichen Lebensumständen erfährt und auch mehr von der Wahrheit, welche sein Leben anderen, die noch eine physische Existenz haben, vermitteln kann.

Ich erinnere mich daran, wie ich voll Zorn und seelischem Schock war, als mich Ilir kurz vor seinem Tod einigen furchteinflößenden Zurschaustellungen aussetzte, als er etwa bei einer Veranstaltung bewusstlos wurde, oder einmal nahezu erstickte; ein anderes Mal schnitt er sich auf und konfrontierte mich mit dem Faktum ihn blutend in meiner Wohnung zu haben. Ich konnte einigermaßen kühlen Kopf bewahren, war aber selbst hilflos und unversehens überflutet von starken Emotionen der Trauer und des Schmerzes. Ich konnte diese nicht vollends ertragen und das, obwohl ich Ilir wirklich mochte und mich um ihn sorgte. Mittlerweile bin ich stärker geworden und traue es mir eher zu mit einer Situation solch völliger Hilflosigkeit und dem Erlebnis mit einem anderen schwulen Mann der Grenze aller Dinge gegenüberzustehen, fertig zu werden. Es war herzzerreißend und ungeheuer überwältigend, während ich dem allen nicht gewachsen war. Andererseits war es schlicht und ergreifend die unmittelbare Wahrheit und nichts Anderes, also wieso davor weglaufen, weshalb davor überhaupt Angst haben, weshalb nicht daran wachsen?

Ilir hat mit großer Wahrscheinlichkeit zumindest einen anderen, jungen Mann mit dem HI-Virus infiziert, das erfuhr ich infolge durch einen gemeinsamen Freund. Vielleicht kam es aus Rachegelüsten oder aus Gründen völlig illusorischen Denkens dazu. Da der Subtyp des HI-Virus, den Ilir an diesen jungen Mann weitergab, sich sehr aggressiv entwickelt hatte und es dadurch überaus schwierig wurde diesen effektiv weiter ärztlich zu behandeln, sanken seine Chancen dramatisch und er lebt nun schon nach einer relativ kurzen Zeit in einem sehr kritischen, gesundheitlichen Zustand. Mehrfacher, ungeschützter Geschlechtsverkehr kann mittels der dabei stattfindenden Übertragung von Medikamenteninformation und den verschiedenen Virenstämmen eine Entwicklung von Resistenzen auslösen und zu einer so genannten Superinfektion führen, deren Behandlungsmöglichkeiten rapide gegen Null gehen.

Für Jugendliche kann Safe Sex und die HIV-Vorbeugung eindeutig und ein völlig übereinstimmender Akt sein. Ihre Eltern sollen froh über ihre schwulen Kinder sein und sie darin bestärken sich selbst und ihre Partner zu beschützen, gerade damit sie miteinander sorgenfreie Pläne für eine erfreuliche Zukunft machen können. Teens und Twens sind von Natur aus voller sexueller Energie, es ist ein Leichtes für sie sich gegenseitig die Wichtigkeit der Benutzung von Kondomen – gerade während intensivem Sex – mitzuteilen. Was sie brauchen, ist Ermutigung dazu. Information. Ältere Männer, die emotionell und körperlich schon sehr viel mehr erfahren sind, was auch dazu geführt haben kann, dass sie ihren sexuellen Horizont z.B. in Richtung SM erweitern möchten, sollten sich ihre Selbstverantwortung und ihre Verantwortung als Erwachsene ganz fundamental bewusst machen. Es geht hierbei oftmals um einen Akt psychischer Re-Integration.

Ilir erzählte mir, dass er sich an denjenigen, der ihn angesteckt hatte, erinnern konnte und dass er diesen Mann in einer Phase seines Lebens traf, als er mit allem fertig war und dabei alles riskierte.
Jahre danach wurde mir klar, dass auch ich solche Gefühle der Begierde und des Verlangens durchlebt habe, die mich dazu brachten alle Sicherheiten sausen zu lassen. Andere mir bekannte Männer wurden ähnlich wie Ilir darüber hinaus absichtlich oder zumindest wissentlich von ihren Sexualpartnern infiziert. Diese Personen haben nicht nur versucht ihre ungelösten Konflikte, sondern auch ihren ganzen Hass und ihre Enttäuschung über das Leben an andere weiterzugeben. Was alle diese Geschichten in der Rückschau gemeinsam haben, ist eine grauenvolle Abwesenheit von Liebe und eines, sich anderer Menschen noch annehmen könnenden Verständnisses. Ich frage mich immer wieder, weshalb Ilir nicht genug Vertrauen fassen konnte, um aus seiner Bedrängnis auszubrechen und mich als einen Freund aufzusuchen, oder, um mit jemand anderem über seine Gefühle der totalen Verzweiflung zu sprechen, noch bevor es soweit hatte kommen müssen. Ich frage mich auch jetzt noch, weshalb ich selbst es nicht geschafft habe in meiner Lage jemanden zu sehen, um über meine Gefühle der Vernachlässigung und der Auflehnung zu reden.

Erst als es schon zu spät sein hätte können, machte ich dies zum Thema meiner Einzelsupervision.
Mittlerweile denke ich, dass es, sowohl bei Ilir, als auch bei mir, um noch tiefer liegende Themen ging, Themen der Kindheit bzw. der Jugend.

Wenn du einen hochriskanten Samenerguss abbekommen haben solltest, oder du in irgendeine Form von unsicherem Sex geraten bist, dann suche sofort bzw. sobald als möglich aber längstens innerhalb von 24 (!) Stunden ein qualifiziertes Krankenhaus auf (in Wien wäre das z.B. das AKH), um unmittelbar mit der Einnahme der richtigen Medikamente anfangen zu können. Dieser Cocktail heißt in Österreich PEP-Post Expositions Prophylaxe und besteht aus einer regulären Antiretroviralen Therapie, damit das Virus an der Reproduktion gehindert werden kann. Informiere deine Freunde und Bekannten darüber und denke auch an die, die du möglicherweise in Gefahr bringst, sei es zum Beispiel, dass du einen anderen Mann mit einem geplatzten Kondom gefickt hast.

Nutze diese Gelegenheit, damit du besser durch eine schwierige und unberechenbare Phase in deinem Leben gelangst, aber auch, um dich selbst wirklich mit dem Leben in der Schwulenszene auseinanderzusetzen und, um andere schwule Männer tatsächlich zu lieben und zu begehren!

Ich glaube, dass Ilirs unmittelbares Vermächtnis, sein Glanz und seine Botschaft so ausgelegt werden können, dass es von unglaublicher Wichtigkeit ist schwulen Szene-Neulingen ans Herz zu legen nicht, neben all den anderen Dingen, darauf zu vergessen, dass es für eine lange Spanne in ihren Leben eine Überfülle an neuen Morgen gibt, was sie beflügeln sollte ihre Hoffnungen und ihre Vitalität zu nutzen und diese nicht einfach wegzuwerfen. Das Leben ist vielschichtig, lasst euch Zeit damit!

Ilir hat wirklich jede seiner Chancen ergriffen, aber er hatte zu wenig Zeit seine eigenen, seltsamen und verschlungenen Wege zu begreifen, um es sich zu allererst einmal selbst zu ermöglichen die Früchte seiner Großzügigkeit zu ernten. Das ist mir in der Zwischenzeit sehr bewusst geworden.

Ich werde Dich immer lieben, Baby! Mit Deinem Ableben ist auch ein sehr wichtiger Teil meines Lebens erloschen, aber ich habe dieses Ereignis und die Trauer darüber so verarbeiten wollen, dass sie mir zur Inspiration für etwas völlig Neuem wurden.

Ich hoffe zutiefst, dass ich Dir zu Lebzeiten ein guter Freund war und ich Dir dabei nicht allzu viel unrecht getan habe, und wenn doch, dann zumindest nicht allzu oft. Ich möchte Dein Andenken bewahren und vermehren, so wie Du mir eine Menge an Stärke und Mut gegeben hast und Du das ja auch immer noch tust!

Well, then — wear your heels and work that Heaven!




Wenn auch Du einem Menschen, den Du kanntest, den Du geliebt oder mit dem Du zusammen gelebt hast, einen weiteren Platz im Gedächtnis dieser Welt zukommen lassen möchtest, damit auch andere an seinem Wirken und an Deinen persönlichen Gefühlen Anteil nehmen können, dann schreibe an CIR und füge deinem E-Mail eine Präsentation bei. CIR würde sich geehrt fühlen Dein Memento auf der Seite anlegen zu dürfen; finden wirst Du es dann innerhalb des Links "rEMamBRAnCE of affection".

Take care!


Weitere Informationen und Anregungen findest du bei:

-->"Safe, Sane and Consensual"
-->"A Time With..." (Hier findest du das oben schon erwähnte, letzte Interview mit Ilir, der zusammen mit anderen Kennern der Wiener Schwulenszene aus der Schule plaudert!)
-->"Mystory"
(Die Geschichte meines Lebens anhand der Entstehungsdaten meiner Bilder und Zeichnungen)
-->"Wherever&Whenever Part1"
(Teile einer Reihe audiovisueller Umsetzungen des ideellen Konzeptes von Artikeln und Projekten bezüglicher der Wiener und der weiteren schwulen Kunstszene)
-->"The Dead - Les Defunts"
(Videoclip)
-->"Le S. et le M."
-->"It´s Y/our Party"
(Yes, it´s truly y/our party!)
-->"wortwörtlich"
(Link für interessierte Personen und Kolumnisten.)
-->"Cintro1 - frames&faces-MIX"
(CIR is?/ Cinematic statement)

--> "La Sirène"(In Kürze kannst du eine verrückte und sommerliche Tour durch eine uralte Landschaft und ein verlassenes Grandhotel machen.)


Meine passende musikalische Empfehlung für deine Zuhörerschaft:
"The best of Sylvester - STAR", 1989 Ace Records ltd, Southbound Records, Ltd48-50 Steele Road,
London NW10 7AS

Meine cineastische Widmung:
"Das Kuckucksei" von Harvey Fierstein aus dem Jahre 1988


(1) Literatur von und über Willi Ninja im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
"Schwindelfrei um die Hacken": Nachruf in taz, die tageszeitung (9. September 2006)
Willi Ninja bei Discogs (englisch)
Personendaten
NAME Willi Ninja
ALTERNATIVNAMEN Willie; Leake, William Roscoe (Geburtsname)
KURZBESCHREIBUNG US-amerikanischer Tänzer, Choreograph und Künstler
GEBURTSDATUM 12. April 1961
GEBURTSORT Queens, New York City
STERBEDATUM 2. September 2006
STERBEORT New York
http://en.wikipedia.org/wiki/Willi_Ninja


(2) http://www.infinitipower.com/ballerina
"House of Infiniti", ehemals bekannt als das "House of Jandel" (NYC and Florida)
Und hier noch ein weiteres House:"The House of Omni" (L.A.)

(3) siehe "La Vie En Vogue" und "Paris Is Burning"
(Einfach im Internet eingeben und abwarten was passiert ; ))